21. September 2017
 

Ahnungslos auf Europareise

 

Der Manager Karl Behle brachte das Diakoniewerk Bethel unter seine Kontrolle, weil niemand hinsah. Auch nicht der Aufsichtsrat des Gesundheitskonzerns: das Unternehmen lud sie einmal im Jahr zu luxuriösen Städtereisen ein. Zugleich arbeiten in einem Krankenhaus Mitarbeiter eine Stunde pro Woche umsonst. Im Konzern herrscht jetzt Unruhe.

Wer durch die Drehtür des Hotels Four Seasons George V in Paris tritt, kommt sich vor wie in einem Rosengarten. Rote Sträuße spiegeln sich in den gläsernen Vasen und dem blitzblanken, prachtvollen Marmorboden. 12.000 Blumen sollen es sein, die das Hotel auf seinen Etagen pflegt.

Sein Restaurant „Le Cinq“ ist mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Model Kim Kardashian feierte hier ihren Junggesellinnenabschied vor ihrer Hochzeit mit Rapper Kanye West. Das einfachste Zimmer ist momentan nicht unter 1.000 Euro zu haben.

In diesem Luxushotel verbrachten Vorstand und Aufsichtsrat des Diakoniewerks Bethel drei Nächte im Herbst 2013. Für anderthalb Tage Sitzung, und einen Besuch der Stadt. Flug, Unterkunft, Essen, Begleitprogramm – auch die Ehepartner waren eingeladen – dürften das gemeinnützige Diakoniewerk sicherlich einen fünfstelligen Betrag gekostet haben. Das Unternehmen Bethel und sein Vorstand Karl Behle ließen Fragen nach den Reisen und ihren Kosten unbeantwortet.


Außer Kontrolle

Warum tagt der Aufsichtsrat eines Diakoniewerks, das nur in Deutschland Krankenhäuser und Pflegeheime betreibt, überhaupt in Paris? Nach Recherchen von CORRECTIV war die Reise eine von fünf außergewöhnlichen Herbsttagungen des Aufsichtsrats, die das Diakoniewerk Bethel finanzierte.

Auch in den Jahren 2009 bis 2012 lud das Diakoniewerk die Räte in europäische Großstädte ein. Das Kontrollgremium nächtigte in Fünf-Sterne-Hotels. Die Partner genossen ein Begleitprogramm mit Stadtführung und Shopping-Tour. Die diakonische Reisegruppe soll auch in Sterne-Restaurants gegessen haben. Karl Behle, der als angestellter Manager in den vergangenen Jahren das Diakoniewerk Bethel mit einem Jahresumsatz von zuletzt 75 Millionen Euro unter seine Kontrolle gebracht hat, dachte offenbar an die, die ihn gewähren ließen.

Auf Betreiben Behles verwandelte sich das Diakoniewerk Bethel 2011 von einem eingetragenen Verein in eine gemeinnützige GmbH. Deren Gesellschafter sind zwei für diesen Zweck gegründete Stiftungen. Nach seinen Angaben gestiftet von Behle selbst und nicht dem Diakoniewerk, wie damals in einer Erklärung der Anschein erweckt wurde. Seitdem verantwortet Karl Behle – zusammen mit der Vorstandskollegin Katja Lehmann-Giannotti – in allen wichtigen Gremien des Konzerns.

De facto kann ihn niemand mehr kontrollieren. Das nutzte er aus: Behle kaufte dem von ihm beherrschten Werk eine Villa zu einem erstaunlich niedrigen Preis ab. Es gibt Hinweise, dass er ein Jahresgehalt von rund 700.000 Euro bezieht. Experten sagen, dass das das Unternehmen den Status der Gemeinnützigkeit kosten kann.


Gehorsamkeit statt Aufsichtspflicht?

Zu Zeiten der Luxusreisen hatte der Aufsichtsrat des Konzerns sechs Mitglieder: Vier stammten aus evangelisch-freikirchlichen Gemeinden. Die übrigen beiden Mitglieder waren Diakonissen.

Das hohe Gehalt von Behle, die fragwürdigen Grundstücksgeschäfte, das Fehlen jeglicher Transparenz – all das schien die Räte nicht zu stören. Erst im April 2015 kam es zum Streit. Der „Tagesspiegel“ hatte berichtet, dass das Diakoniewerk drei Diakonissen unter fadenscheinigen Gründen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen hatte. Sie verloren damit ihren Versorgungsanspruch durch das Diakoniewerk und standen damit vor Altersarmut.

Vier Aufsichtsräte traten deswegen zurück. Ersetzt wurden sie durch vier Diakonissen, jeweils fast 80 Jahre alt. Zu den Lebensgrundsätzen der Diakonissen zählt neben Ehelosigkeit, Armut auch die Gehorsamkeit. Keine gute Voraussetzung für Mitglieder eines Aufsichtsgremiums. Zumal die Diakonissen abhängig vom Diakoniewerk Bethel sind, welches ihnen Unterkunft, Verpflegung und ein Taschengeld stellt.


Wer kontrolliert eigentlich wen?

Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) hat seit 2015 zwei Mal versucht, einen Aufseher in den Aufsichtsrat des Diakoniewerk Bethel zu entsenden. Den ersten ignorierte das Diakoniewerk, indem es ihm einfach die Sitzungstermine nicht mitteilte. Der zweite stellte gleich auf seiner ersten Sitzung im Juli eine kritische Frage und wurde daraufhin wieder ausgeladen. Das zeigt, dass nicht der Aufsichtsrat Behle, sondern Behle den Aufsichtsrat kontrolliert.

Bis zu seinem Rücktritt im April 2015 stand der Steuerberater Dietrich Mascher zehn Jahre an der Spitze des Aufsichtsrates. Er sagt heute, die Arbeit als Vorsitzender sei so aufwendig gewesen, dass er damit „ca. 50 Tage im Jahr“ verbracht habe. In den letzten Monaten vor seinem Rücktritt sogar noch mehr. Dafür habe er „durchschnittlich jährliche Einnahmen von 33.000 Euro“ vom Diakoniewerk Bethel bekommen. Die anderen drei BEFG-Mitglieder im Aufsichtsrat bekamen nach eigenen Angaben eine jährliche Aufwandsentschädigung von 500 Euro.

Die Umwandlung des über hundert Jahre alten Vereins in ein von Behle als Gesellschafter kontrolliertes Stiftungskonstrukt trug der Aufsichtsrat mit. „Ich würde mir wünschen, intensiver nachgefragt zu haben“, sagt Mascher heute zu den Vorgängen. Dass gerade Mascher sich von Behle austricksen ließ, überrascht. Auf seiner Webseite gibt er an, ein Experte für „steuerliche und wirtschaftliche Begleitung von Stiftungen und Vereinen“ zu sein. Die wahre Struktur des von ihm zu kontrollierenden Konzerns will er aber nicht verstanden haben.


Ahnungslos im Aufsichtsrat

Dietrich Mascher segnete als Aufsichtsratsvorsitzender auch die Bezüge des Vorsitzenden Behle und seiner Kollegin Lehmann-Giannotti ab. Bestätigt sich ein Jahresgehalt von mehreren hunderttausend Euro für Behle, wusste Mascher Bescheid.

Im Aufsichtsrat saß auch Walter Zeschky, ein Unternehmer aus Wetter an der Ruhr. Zeschky sagte auf Anfrage, er hätte mehrfach die Frage gestellt, wer die Stifter der Stiftungen seien. Die Frage sei unbeantwortet geblieben.

Pikant ist dabei, dass sämtliche Aufsichtsratmitglieder auch in den Stiftungsräten der Stiftungen saßen, in deren Besitz sich das Diakoniewerk befindet. Ohne zu wissen, wer der Stifter war. Die Aufsichtsräte arbeiteten also für eine Einrichtung, von der sie nicht wussten, wem sie gehörte. Da wundert es nicht, dass sie in ihrer Kontrollfunktion versagten.

Die Diakonie Deutschland – der Spitzenverband der evangelischen Wohlfahrtsbranche – kritisiert die Luxusreisen des Aufsichtsrates. Sitzungen würden im Regelfall in den Einrichtungen selber stattfinden. „Die Vorgänge beim Diakoniewerk Bethel widersprechen in der dargelegten Form den Grundsätzen der diakonischen Arbeit“, sagt Jörg Kruttschnitt, Finanzvorstand der Diakonie Deutschland.


Diakonie entscheidet über Ausschluss

Heute berät der Rat des Landesverband Diakonisches Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (DWBO) erstmals über den Ausschluss des Diakoniewerks Bethel. Der DWBO hat den Ausschluss bereits angekündigt, wenn Behle nicht zurücktritt. Das ist bisher nicht geschehen.

Der DWBO möchte die Reisen des Aufsichtsrates auf Anfrage nicht beurteilen, verweist aber darauf, dass „nicht der Vorstand, sondern der Aufsichtsrat“ den Rahmen für Tagungen bestimmen soll.

Kostspielige Reisen des Aufsichtsrats gebe es auch bei anderen gemeinnützigen Organisationen, meint Christoph Glaser, Rechtsanwalt aus Heidelberg und Experte für Gemeinnützigkeitsrecht. „Man kann fragen, ob das sein muss“, sagt Glaser. „Ich sehe darin aber keinen Skandal. Der Verkauf der Villa und das mögliche Vorstandsgehalt von etwa 700.000 Euro stehen weiterhin auf einem anderen Blatt.“


Weiter keine Reaktion vom Unternehmen

Das sehen auch die Beschäftigten des Diakoniewerks so. Im Krankenhaus Bethel in Berlin-Lichterfelde, nur wenige hundert Meter von der Geschäftsstelle und der Villa Behles entfernt, ist die Stimmung angespannt. Ende Juli rief die Mitarbeitervertretung Behle dazu auf, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. „Tun sie alles, um den Ausschluss aus der DWBO abzuwenden!“ und weiter „Spielen sie nicht mit unserer Leidenschaft für die Medizin, für die Pflege, für die Menschen!“, heißt es in dem Schreiben. Am Ende heißt es verzweifelt: „Sprechen Sie mit uns!“

Behle reagierte nicht auf das Schreiben, sagen Mitarbeiter aus dem Krankenhaus Bethel. Im Unternehmen wird spekuliert, dass Behle und seine Vorstandskollegin Lehman-Giannotti es vermutlich in Kauf nehmen, aus dem Verband DWBO ausgeschlossen zu werden.

Wo Diakonie drauf steht, ist dann keine Diakonie mehr drin. Für die Krankenhäuser und Pflegeheime des Unternehmens wäre das ein schwerer Schlag. Im Krankenhaus Bethel in Berlin diskutieren die Mitarbeiter seit einigen Wochen auch verstärkt über eine Zusatzvereinbarung, die viele von ihnen unterzeichnet haben. Darin verpflichten sie sich, im Sinne der Diakonie jede Woche eine Stunde unentgeltlich zu arbeiten. Quasi ehrenamtlich. Zeitweise unterschrieben mehr als die Hälfte der Krankenhaus-Belegschaft die Vereinbarung.


Mitarbeiter fühlen sich ausgenutzt

Der DWBO sieht in dieser Regelung einen Verstoß gegen die Arbeitsvertragsrichtlinien des Verbandes. Die Vereinbarung über die unbezahlte Arbeitsstunde hätte von der Arbeitsrechtlichen Kommission des DWBO genehmigt werden müssen. Das sei nicht der Fall gewesen, sagt eine DWBO-Sprecherin.

Eine Mitarbeiterin des Krankenhauses, die anonym bleiben möchte, formuliert ihren momentanen Frust: „Wir unterstützen das Krankenhaus seit mehr als 15 Jahren mit der Zusatzstunde“, sagt sie. Jetzt hat sie das Gefühl, sie hätten Herrn Behle den Reichtum ermöglicht und nicht das Krankenhaus gerettet. „Wir brauchen ein Zeichen, dass wir auch ernst genommen werden und nicht nur gemolken werden. Damit muss jetzt definitiv Schluss sein.“

Das Krankenhaus äußerte sich auf Anfrage nicht. Der Mutterkonzern habe dem Krankenhaus zugesagt, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Doch das Diakoniewerk Bethel und Karl Behle ließen Fragen von CORRECTIV erneut unbeantwortet.


Aufseher verteidigen die Räte

In einer gemeinsamen Stellungnahme verteidigen die ehemaligen Aufsichtsratsmitglieder die Luxusreisen gegenüber CORRECTIV. Die Ausflüge hätten sie nicht davon abgehalten, die Sachverhalte im Diakoniewerk Bethel „mit kritischer Distanz und Neutralität zu bewerten“. Und schließlich hätten die Reiseorte einen inhaltlichen Bezug zum Diakoniewerk Bethel gehabt, das ein baptistischer Pastor Ende des 19. Jahrhunderts gründete. Thema: „Bethel auf den Spuren der Reformation“.

Neben Paris, wo man sich im Louvre Gemälde aus der Reformationszeit angesehen habe, führte die „Horizonterweiterung“, so die Räte, auch nach Genf und Amsterdam, wo die erste Baptistengemeinde in Europa gegründet wurde. Und warum dann die Reise nach Rom, weltweites Zentrum der katholischen Kirche?

Am Papstsitz habe man sich immerhin über die „Gegner der Reformation“ informiert.


Quelle: https://correctiv.org/recherchen/wirtschaft/artikel/2017/09/11/reisen-aufsichtsrat-bethel/
 

   

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