31. Juli 2017
 

Sehen, merken, meistern: Mediziner entwickeln visuelle Eselsbrücken, mit denen angehende Ärzte den Lernstoff besser behalten sollen

„Gerade das Verrückte merkt man sich gut": Diese visuelle Eselsbrücke erklärt das Phänomen „Fieber". (Quelle: Meditricks)

 

Die Freiburger Mediziner Paul von Poellnitz und Michael Seifert haben mit ihrem Projekt „Meditricks" ein Konzept entwickelt, das Medizinstudierenden dabei helfen soll, anhand von Merkbildern komplexe Sachverhalte besser zu verstehen und zu behalten. Dafür haben sie kürzlich den Zuschlag für ein mit 137.000 Euro dotiertes EXIST-Gründerstipendium erhalten. Ein Buch, vertonte Videos und eine Lernsoftware sollen folgen. Lars Kirchberg hat mit den beiden gesprochen.

Herr von Poellnitz, Herr Seifert, was kann ich mir unter Ihren Merkbildern vorstellen?

Paul von Poellnitz:
Grob gesagt, sind sie visuelle Eselsbrücken. Gerade in der Medizin haben wir eine enorme Fülle an Begriffen und Fakten. Unser Ziel ist es, diesen ein emotionales Gesicht zu geben. Ein Beispiel: Wenn ich an die Legionellen als Bakterium denke, drängt sich mir das Bild eines Legionärs auf. Das wäre im Merkbild die zentrale Assoziation. Drum herum bauen wir die medizinischen Zusammenhänge auf, und langsam spinnt sich eine Geschichte. Es entwickeln sich dann Charaktere, die sich in anderen Merkbildern wiederfinden lassen, wie zum Beispiel die Ente für die Enzephalitis.

Michael Seifert: Es macht richtig Freude, wenn liebgewonnene Charaktere auch in anderen Bildern und Zusammenhängen auftauchen. Außerdem kann man die Merkbilder räumlich aufteilen, ähnlich wie eine Tabelle. Das bringt viel Struktur in das Wissen.

Es sind ja schon teilweise sehr verrückte Geschichten.

Michael Seifert:
Gerade das Verrückte merkt man sich gut. Wenn man mit seinen Kommilitoninnen und Kommilitonen redet, erkennt man, mit welchen abstrusen Eselsbrücken sie teilweise arbeiten. Das hat uns auch inspiriert.

Sie verfolgen mit Ihrem Projekt einen neuen didaktischen Ansatz: Was unterscheidet das Lernen mit Merkbildern vom „herkömmlichen" Lernen?

Paul von Poellnitz:
Ganz klar der Spaß und die Unterhaltung. Das Wissen bleibt dadurch viel nachhaltiger hängen, und man kann die Informationen auch schneller wieder abrufen. Ich denke an ein bestimmtes Bild, und auf einmal kommen die ganzen Fakten wieder.

Michael Seifert: Unser erstes Buch dreht sich um Antibiotika. Jede Medizinstudentin und jeder Medizinstudent weiß, dass es eine regelrechte Qual ist, sich dieses Thema anzueignen. Mit unserer Technik kann man sich in eine Geschichte begeben und die Charaktere nachvollziehen. Dadurch hat man viel mehr vernetzte Information an der Hand. Das ist ein großer Vorteil.

Nachdem Sie eine Geschichte beschrieben haben, geht es ans Zeichnen. Machen Sie das selbst, oder geht Ihnen da jemand zur Hand?

Paul von Poellnitz:
Einst haben wir das selbst gemacht, aber unsere Zeichenfähigkeiten sind doch begrenzt. Jetzt fertigen wir eine grobe Skizze an und geben diese an einen Grafiker weiter.

Gibt es irgendwelche Vorbilder, oder betreten Sie mit den Merkbildern Neuland?

Paul von Poellnitz:
In den USA gibt es schon einige Anbieter, die das Konzept aufgegriffen haben und damit auch kommerziell erfolgreich sind. Aber meines Wissens sind wir im deutschsprachigen Raum die ersten, die das Konzept auf diesem Niveau anbieten.

Also haben Sie sich s von den US-amerikanischen Vorbildern inspirieren lassen?

Michael Seifert:
Ein bisschen schon. Ich habe selbst einige Zeit in den USA studiert und bin dort zufällig auf Merkbilder gestoßen. Am Lernen Spaß haben und Erfolge verzeichnen: Das war eine Offenbarung, sozusagen das ideale Produkt für mich.

Paul von Poellnitz: Bei mir ist die Geschichte ähnlich. Ich habe im neunten Semester Befundbilder zu Kinderkrankheiten gesucht und bin auf ein Merkbild einer amerikanischen Studentin gestolpert. Das war ein Aha-Erlebnis. Dann habe ich während meines Staatsexamens angefangen, für mich ein paar Zusammenhänge aufzuzeichnen. Irgendwann hatte ich 60 Bilder zusammen und dachte mir, dass es doch schön wäre, diese auch mit meinen Kommilitonen zu teilen. Dann hat sich das nach und nach entwickelt.

Welche Themenfelder wollen Sie in Zukunft noch abdecken?

Paul von Poellnitz:
Grundsätzlich orientieren wir uns an dem, was für das Medizinexamen wichtig ist. Wir suchen uns gezielt die faktenlastigen Themen heraus, bei denen es kompliziert ist, den Stoff zu behalten. So wollen wir nach und nach die wichtigsten Felder erschließen. Im Moment sind wir an der Pharmakologie dran – dieses Thema ist sowohl für Studierende als auch praktizierende Ärztinnen und Arzt sehr wichtig. Ich glaube, dass auch bei Ärzten ein lockeres Format gut ankommen kann.

Sie haben ein EXIST-Gründerstipendium für Ihr Projekt erhalten. Wie geht es nun weiter?

Michael Seifert:
Die Förderung ist klasse für uns. Wir haben bisher meist in unserer Freizeit gearbeitet und können uns nun voll dem Projekt widmen. Ab Juli 2017 werden wir dann etwa 70 vertonte Videos anbieten. Langfristig gesehen sollen sie die Grundlage für eine Lernsoftware bieten. Bis Oktober dieses Jahres soll zudem ein Buch zur Infektiologie erscheinen.

Paul von Poellnitz: Wenn wir irgendwann in Freiburg ein Büro und ein Team hätten, wäre das super. Wir haben ja jetzt schon einige Helfer, die uns mit viel Engagement unterstützen. Wir freuen uns darauf, weiter künstlerisch zu produzieren, an der Methodik zu feilen und schwierige Bereiche der Medizin zu erschließen.

Quelle: https://www.pr.uni-freiburg.de/...

 

   

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