10. März 2017
 

Kommunizieren, wenn die Sprache versagt

Alljährlich im Mai bringt die LEBEN UND TOD für zwei Tage ehren- und hauptamtliche Mitarbeiter im Hospizwesen, Trauerbegleiter, Bestatter und anderes Fachpublikum sowie die interessierte Öffentlichkeit zusammen
(MESSE BREMEN/Jan Rathke)

 

Erst nahm der alte Herr noch ganz selbstverständlich einen Teller aus dem Schrank, wenn er sich ein belegtes Brot machen wollte. Schließlich wusste er nicht mehr, was ein Teller ist und wie man Hunger äußert. Demenz ist ein Grund für den völligen Sprachverlust im Alter. Schwere Erkrankungen oder einfach die körperliche Hinfälligkeit Hochbetagter können ebenfalls im Schweigen enden. Wie sich dennoch kommunizieren lässt, ist ein Thema bei der LEBEN UND TOD am Freitag und Samstag, 12. und 13. Mai 2017, in der Messe Bremen jeweils von 10 bis 18 Uhr.

Bereits im achten Jahr beschäftigt sich der Fachkongress unter anderem ausführlich mit dem Leben am Lebensende, ob in der Palliativpflege oder im Hospiz. Für positive zwischenmenschliche Begegnungen und Stimmung zu sorgen, ist auch ein Anliegen des Mediziners und Komikers Eckart von Hirschhausen, der in diesem Jahr den Eröffnungsvortrag hält. Seine Stiftung „Humor hilft Heilen“ fördert neben Workshops für Pflegekräfte Projekte mit Kindern und dementiell Erkrankten auch ein neues Forschungsprojekte in der Palliativmedizin. In seinem aktuellen Buch „Wunder wirken Wunder“ beschreibt er, warum Worte Medizin sind und wie Rituale, Berührung und authentische Begegnung zur Heilkunst dazu gehören – wie das Lachen auch.

„Sprache ohne Worte“ ist das Thema von Marlis Lamers: Sie unterrichtet im Gesichter-Lesen und informiert darüber auf der begleitenden Messe zur LEBEN UND TOD. „Natürlich ist die Mimik von Erkrankten in vielem anders als die von Gesunden“, weiß sie. „Muskelbewegungen im Gesicht von 50 bis 400 Millisekunden Dauer aber sind nicht steuerbar. Deshalb sind sie so ehrlich.“ Empathische Beobachter könnten so Angst, Ekel oder Schmerz wahrnehmen und reagieren. „Man braucht dafür allerdings viel Übung“, sagt Marlis Lamers. Aber wie reagiert man auf mimische Botschaften, wenn das Gegenüber Sprache nicht mehr versteht? Zum Beispiel mit Berührungen, sagt nicht nur diese Trainerin.

Nonverbale Kommunikation insgesamt ist das Thema von Dr. Astrid Steinmetz, die dafür ein eigenes Konzept entwickelte. „Mir ist ein großes Anliegen, dass die Beteiligung und Autonomie des Kranken bis in die letzte Lebensstunde erhalten bleiben“, erklärt die Trainerin. Könne eine Schwerstkranke nur noch die Finger bewegen, könne man diese Bewegungen mit den eigenen Fingern erwidern. „Die Patientin erlebt dann einen Moment außerhalb der Erfahrung ,Ich bin krank und werde versorgt‘.“

Die gestische Kommunikation zum Beispiel hilft, um Inhalte leichter verständlich zu machen. Soll etwa ein Demenzkranker aufstehen und in ein anderes Zimmer mitkommen, könne man ihm dies über die Bewegung der Hände sichtbar machen. „Anfassen und Hochziehen wäre eine monologische, nur von mir ausgehende Aktion. Mir geht es vielmehr um den nonverbalen Dialog, die aktive Einbeziehung des sprachlos gewordenen Menschen“, so Astrid Steinmetz.

Wie gut Hospizmitarbeiter auf ihre Schützlinge eingehen, prüfen seit rund zwei Jahren Auditoren für die Vergabe des „Gütesiegels für stationäre Hospize“ und berichten darüber auf der LEBEN UND TOD. Neben den gängigen Kriterien Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität rücken sie die Beziehungsqualität in den Blick, berichtet Rosemarie Fischer vom Landesstützpunkt für Hospizarbeit und Palliativversorgung Niedersachsen, der das Projekt mit begleitet. „In Hospizen geht es vor allem um Nähe – nicht so sehr um Ausstattung“, sagt sie.

Neben den letzten Lebenstagen dreht sich die LEBEN UND TOD um Sterben, Tod und Trauer – auch in ihrem umfangreichen Vortrags- und Mitmachprogramm für die interessierte Öffentlichkeit. Auf der Messe stellen sich Dienstleister und Hersteller für Hospizarbeit und Pflege vor. Zudem gibt es Trauerkarten und -schmuck, Urnen und Särge, viel Literatur und auch manches Ausgefallene – so ein Bestattungs-Lego mit Leichenwagen, Grabsteinen und Krematorien für die Trauerarbeit mit Kindern.

Mehr Infos unter www.leben-und-tod.de
 

   

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